S7-300 auf S7-1500 migrieren: Kompletter Leitfaden
Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Migration von Siemens S7-300 auf S7-1500 mit TIA Portal. Hardware-Zuordnung, Migrations-Assistent, optimierte Datenbausteine, AWL→SCL-Konvertierung und typische Fallstricke.
S7-300 auf S7-1500 migrieren: Kompletter Leitfaden
Die Migration von S7-300 auf S7-1500 erfordert zwei parallele Übergänge: Hardware (S7-300-Baugruppenträger und E/A → S7-1500 mit ET200SP/MP) und Software (STEP 7 V5.x → TIA Portal). Der TIA-Portal-Migrationsassistent übernimmt etwa 90 % der Softwarekonvertierung automatisch. Die verbleibenden 10 % — optimierte Datenbausteine, AWL-Code auf S7-1500, hardwarespezifische Module und Kommunikationsbausteine — erfordern manuelle Arbeit.
Warum jetzt migrieren?
Die S7-300 tritt in ihre End-of-Life-Phase ein. Die Produktfamilie PM410 (267+ Baugruppen) hatte ihren Produktionsstopp am 01.10.2025. Siemens garantiert Ersatzteile für ca. 10 Jahre nach Produktionsende — S7-300-Ersatzteile von Siemens werden also um 2033–2035 nicht mehr verfügbar sein.
Der S7-1500 ist der designierte Nachfolger: schnellere Verarbeitung (bis 10× gegenüber vergleichbaren S7-300-CPUs), größerer Speicher (Datenbausteine bis 10 MB statt 64 KB), integriertes PROFINET, eingebauter Webserver und integrierte Sicherheitsfunktionen.
Zur ausführlichen End-of-Life-Analyse siehe unseren S7-300 End-of-Life Planungsleitfaden.
Schritt 1: Bestandsaufnahme Ihres S7-300-Systems
Hardware-Inventar:
- CPU-Modell und Firmware-Version (z.B. CPU 315-2 PN/DP, FW V3.3)
- Alle Signalbaugruppen mit Bestellnummern (DI, DQ, AI, AQ)
- Kommunikationsbaugruppen (CP 343-1, CP 342-5)
- Funktionsbaugruppen (FM 350, FM 355)
- Netzteilmodell und Baugruppenträgerkonfiguration
Software-Inventar:
- STEP-7-Projektversion
- Anzahl Bausteine (OB, FB, FC, DB, SFB, SFC)
- Programmiersprachen pro Baustein (AWL, KOP, FUP, SCL)
- Verwendete Systemfunktionen (SFC/SFB-Nummern)
- Kommunikationsbausteine (BSEND/BRCV, PUT/GET, AG_SEND/AG_RECV)
- HMI-Anbindungen (ProTool, WinCC flexible, WinCC)
Schritt 2: S7-1500-Hardware auswählen
CPU-Zuordnung
| S7-300 CPU | Typischer S7-1500-Ersatz | Anwendung |
|---|---|---|
| CPU 312 / 314 | CPU 1511-1 PN | Kleine Anwendungen |
| CPU 315-2 PN/DP | CPU 1513-1 PN | Mittlere Anwendungen |
| CPU 317-2 PN/DP | CPU 1515-2 PN | Große Anwendungen |
| CPU 319-3 PN/DP | CPU 1516-3 PN/DP | Sehr große Anwendungen |
| CPU 315F-2 PN/DP | CPU 1513F-1 PN | Sicherheit (F-CPU) |
| CPU 317F-2 PN/DP | CPU 1515F-2 PN | Sicherheit (F-CPU) |
Wichtig: Immer eine S7-1500-CPU mit mindestens gleichem Arbeitsspeicher wählen. Der S7-1500 benötigt typischerweise mehr Speicher als die äquivalente S7-300, da optimierte Datenbausteine zusätzliche Typinformationen speichern.
E/A-Module
S7-300-Signalbaugruppen (SM 321, SM 322, SM 331, SM 332) sind nicht kompatibel mit S7-1500. Zwei Optionen:
Option A: Zentrale E/A ersetzen. S7-300-Signalbaugruppen durch S7-1500-Module ersetzen. Erfordert Umverdrahtung.
Option B: Dezentrale E/A mit ET200SP/MP. E/A im Feldschrank belassen und über PROFINET mit der S7-1500-CPU verbinden. Reduziert den Verdrahtungsaufwand erheblich.
Adapterkabel: Siemens bietet Adapterkabel (6ES7922-5-Serie) die S7-300-Frontstecker mit S7-1500/ET200-Modulen verbinden.
Schritt 3: Software-Migration mit TIA Portal
Voraussetzungen
- STEP 7 V5.5 oder V5.6 (zum Archivieren des Projekts)
- TIA Portal V18 oder neuer
- TIA Portal STEP 7 Professional-Lizenz
Migrationsprozedur
3.1: S7-300-Projekt archivieren. Im SIMATIC Manager: Datei → Archivieren. Erzeugt eine .zip-Datei.
3.2: In TIA Portal importieren. Projekt → Projekt migrieren. Archiv-Datei auswählen.
3.3: Hardwarekonfiguration. Der Assistent bietet an, Hardware einzubeziehen oder auszuschließen. Empfehlung: Hardware ausschließen und manuell konfigurieren. S7-300-Module haben selten 1:1-Äquivalente im S7-1500.
3.4: CPU ersetzen. Nach dem Import erscheint die CPU als "unspezifiziert" (weißes Symbol). Rechtsklick → "Nach S7-1500 migrieren" → Ziel-CPU aus dem Katalog wählen.
3.5: Signalbaugruppen manuell hinzufügen. S7-1500- oder ET200SP-Module passend zur E/A-Anforderung hinzufügen. E/A-Adressen so anpassen, dass sie mit der Original-S7-300-Adressierung übereinstimmen.
3.6: Kompilieren und Fehler beheben. Typische Fehler:
| Fehlertyp | Ursache | Lösung |
|---|---|---|
| Unspezifizierte CPU | CPU noch nicht ausgewählt | Ziel-S7-1500-CPU auswählen |
| Fehlende Signalmodule | Hardware nicht konfiguriert | Module manuell hinzufügen |
| Datentypkonflikt | Optimierte vs. Standard-DB | DB auf "Standard"-Zugriff setzen |
| SFB/SFC nicht verfügbar | S7-300-spezifische Systemfunktionen | Durch S7-1500-Äquivalente ersetzen |
| AWL-Warnungen | AWL läuft im Emulationsmodus auf S7-1500 | In SCL konvertieren (empfohlen) |
Schritt 4: Optimierte Datenbausteine handhaben
Der größte Unterschied zwischen S7-300 und S7-1500:
S7-300 (Standard-Zugriff): DB-Elemente per Absolutadresse (DB10.DBW0, DB10.DBD4). Speicherlayout ist fest.
S7-1500 (Optimierter Zugriff, Standard): DB-Elemente per Name (DB10.Temperatur, DB10.Druck). Speicherlayout vom System verwaltet. Keine Absolutadressen möglich.
Option A (Schnell): Alle DBs auf "Standard"-Zugriff setzen. DB-Eigenschaften → Attribute → "Optimierter Bausteinzugriff" deaktivieren. Bewahrt S7-300-Verhalten.
Option B (Besser, mehr Aufwand): Auf symbolischen Zugriff umstellen. Alle Absolutadressen (DBW0, DBD4) durch symbolische Namen ersetzen.
Empfehlung: Für die Erstmigration Option A verwenden. Schrittweise auf symbolisch umstellen.
Schritt 5: AWL in SCL konvertieren
AWL läuft auf S7-1500 nur im Emulationsmodus. Es funktioniert, aber:
- Reduzierte Performance gegenüber nativem SCL
- Siemens kann AWL-Unterstützung in zukünftigen Firmware-Versionen entfernen
- Neue S7-1500-Features nur in SCL, KOP und FUP verfügbar
Detaillierter Leitfaden: AWL nach SCL konvertieren.
Schritt 6: Testen und Inbetriebnehmen
Simulation: PLCSIM Advanced zum Testen des S7-1500-Programms vor der Hardwareinstallation.
Seitenvergleich: Bausteinanzahl, Netzwerkanzahl und Befehlsanzahl zwischen Original-STEP-7-Projekt und migriertem TIA-Portal-Projekt vergleichen.
E/A-Test: Nach Hardwareinstallation jeden Ein- und Ausgang systematisch prüfen.
Stufenweise Inbetriebnahme: Mit Handbetrieb starten, Grundfunktionen verifizieren, dann Automatiksequenzen einzeln freigeben.
Typische Fallstricke
1. E/A-Adressverschiebung. Wenn S7-1500-Module in anderen Steckplätzen sitzen, ändern sich E/A-Adressen. Hardwarekonfiguration prüfen und anpassen.
2. Kommunikationsbausteine. S7-300 nutzt AG_SEND/AG_RECV. S7-1500 nutzt TSEND_C/TRCV_C. Manuell ersetzen.
3. Systemfunktions-Unterschiede. Nicht alle S7-300-SFBs/SFCs existieren auf S7-1500.
4. HMI-Migration. ProTool oder WinCC flexible müssen ebenfalls zu WinCC (TIA Portal) migriert werden.
5. Sicherheitsprogramme. F-CPU-Programme erfordern zusätzliche Validierung. Sicherheitsprogramm neu kompilieren und abnehmen.
Was PLCcheck Pro für Sie tun kann
- AWL-Bausteine identifizieren die SCL-Konvertierung brauchen
- DB-Zugriffsanalyse: Alle Absolutzugriffe finden die symbolisch werden müssen
- Kommunikationsbausteine inventarisieren
- Dokumentation für das migrierte Programm generieren
Häufig gestellte Fragen
Kann ich S7-300-E/A-Module mit S7-1500 weiterverwenden?
Nein. Unterschiedliche Rückwandbus-Systeme. Ersetzen durch S7-1500-Module oder ET200SP dezentrale E/A. Siemens-Adapterkabel (6ES7922-5-Serie) reduzieren den Umverdrahtungsaufwand.
Macht der TIA-Portal-Migrationsassistent alles automatisch?
Ca. 90 % der Softwaremigration sind automatisch. Hardwarekonfiguration, optimierte DBs, Kommunikationsbausteine und AWL-Code brauchen typischerweise manuelle Eingriffe.
Kann ich AWL-Code auf S7-1500 behalten?
Ja, im Emulationsmodus. Aber reduzierte Performance und Siemens empfiehlt SCL. S7-1200 unterstützt AWL überhaupt nicht.
Wie lange dauert eine typische Migration?
Klein (<50 Bausteine): 1–2 Wochen. Mittel (50–200 Bausteine): 3–6 Wochen. Groß (200+ Bausteine, Sicherheit): 2–6 Monate.
Gepflegt von PLCcheck.ai. Letztes Update: März 2026. Keine Verbindung zu Siemens AG.
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